Schäppis Griff nach den Sternen


Werner Schäppi will als erster Schweizer Tourist ins All fliegen. 
Darauf richtet der Bankangestellte sein Leben aus.

 


Blaues Hemd, dunkle Hose, Krawatte und Aktenkoffer: Ein akkurat gewandeter Bankangestellter, der im Fluss der Berufspendler nicht auffällt. Erst wenn Werner Schäppi den Koffer öffnet, Unterlagen über den Spaceshuttle auspackt und in einer Raumfahrtzeitschrift zu blättern beginnt, wird der Unterschied zu den «Finandal Times»­lesenden Bankern ersichtlich.

Der 47 jährige Schäppi aus Horgen am Zürichsee ist zwar im Alltag mit Herz und Seele Bankangestellter. Sein Traumjob aber ist Astronaut. Die meisten geben diesen Traumberuf bereits im Kindesalter für einen realistischeren Wunsch auf. Nicht so Schäppi: «Mir fehlt die technische Ausbildung zum Berufsastronauten. Aber es ist und bleibt mein Traum.»

Für diesen Traum tut Schäppi alles. Und wenn alles gut geht, wird er in zwei Jahren ins All fliegen. Damit wäre Schäppi der erste Schweizer Weltraumtourist überhaupt. Was wie ein Bubentraum klingt, ist ein realistisches Vorhaben, das vor zwei Jahren Konturen annahm.

«Ich war auf einer Tour für Raumfahrt Fans, wo wir den Start des Spaceshuttles mitverfolgen konnten», erinnert sich Schäppi. Dort habe er sich lange mit dem ehemaligen Astronauten Norman Thagard unterhalten und erfahren, dass es möglich werde, als Tourist ins All zu fliegen. Schäppi setzte sich nach seiner Rückkehr mit der russischen Raumfahrtbehörde in Verbindung, die Kosmonautentrainings anbietet. Im Gegensatz zu den Amerikanern leiden die Russen an Geldmangel und öffnen deshalb ihre Türen auch Zivilisten. Aber nicht jeder wird zugelassen. «Man muss den Russen gefallen und sich für ihre Kultur interessieren, sonst nützt auch viel Geld nichts», weiss Schäppi.

Bald folgte das erste Training, ein so genannter Parabelflug. Dabei steigt das Flugzeug zuerst hoch auf, um danach kontrolliert abzustürzen und eine 30 Sekunden lange Schwerelosigkeit zu provozieren. Den Passagieren im gepolsterten Flugzeugrumpf zieht es im ersten Mo­ment die Füsse weg, sie schweben kopfüber in der Luft. Vielen wird dabei übel. Für den Schweizer hingegen war es ein einzigartiges Erlebnis.

Teures Hobby, hartes Training

Das nächste Training fand in einer Zentrifuge statt, in der eine vier bis fünffache Erdanziehung simuliert wird. So stark ist der Druck, der bei einem Raketenflug auf den Körper ausgeübt wird. Werner Schäppi hat auch diesen Test bestanden: «Dafür braucht es einen perfekten Kreislauf, gute Fitness und einen allgemein guten Gesundheitszustand.»

Um alle Voraussetzungen zu erfüllen, trainiert Werner Schäppi drei bis vier Stunden pro Woche im Fitnesscenter. Zudem besitzt er einen Tauchschein, absolviert Fallschirmsprünge, lernt Russisch und lässt im Militärjet Flugmanöver über sich ergehen. Als Nächstes steht ein Überlebenstraining im Schwarzen Meer auf dem Programm. Ein hartes Training, das noch kein Zivilist vor ihm in Angriff genommen hat. Alles für seinen Traum, den Sternen nahe zu sein.

In Russland wohnt der Hobby Raumfahrer in «Star City», einem Ausbildungszentrum für Kosmonauten rund 30 Kilo­meter östlich von Moskau. Hier hat er den ersten Weltraumtouristen Dennis Tito kennen gelernt. «Er war kurz vor dem Start sehr nervös.» Auch mit dem Schweizer Astronauten Claude Nicollier hat sich Schäppi schon unterhalten. Sein Vorbild aber ist ein anderer: Juri Gagarin, der erste Mann im All. «Ich bewundere ihn für seinen Mut. Er ist einfach ins Ungewisse geflogen. Zudem war damals die Technik noch wenig ausgereift, der Druck auf den Körper etwa doppelt so stark wie bei heutigen Flügen.» Um ihm seine Anerkennung zu zeigen, verabschiedet sich Schäppi nach jedem Trai­ning von der Gagarin Statue im russischen Raumfahrtzentrum. «Solche Rituale sind ein wichtiger Teil in der Raumfahrt», sagt Schäppi.

Ein Flug ins Weltall kostet und zwingt Schäppi zum Verzicht: «Luxus wie Business Class Flüge kommen für mich nicht in Frage.» Als Leiter einer Investigationsgruppe bei der Credit Suisse verdient der Horgner zwar gut, doch die Trainings im 100 Kilogramm schweren Raumanzug sind teuer. Bis heute hat er etwa 40000 Franken dafür ausgegeben, weitere 60 000 werden noch dazukommen. Der Flug schliesslich soll 100000 Franken kosten. Als allein Stehender kann Schäppi den ganzen Lohn in sein Hobby investieren.

 

Vielleicht auf den Mond

 In zwei Jahren soll es endlich so weit sein. Dann will Schäppi in den Suborbit fliegen, 100 bis 150 Kilometer über der Erde. Der Flug wird etwa drei Stunden dauern, ein paar Minuten davon wird Schäppi schwerelos sein. «Ich werde nicht die ganze Kugel sehen, aber die Rundung der Erde wird sichtbar sein. Und ich werde den Sternen näher sein», sagt er. Und fügt nicht ohne Stolz hinzu, dass er sich danach Kosmonaut nennen dürfe

Angst vor dem Flug hat er keine. Er freut sich vielmehr auf die unvergessliche Erfahrung, die einen Menschen verändern kann: «Viele Kosmonauten erzählen, sie hätten die Welt nach dem ersten Flug mit anderen Augen gesehen. Einige wurden sogar religiös.»

Hätte er das nötige Kleingeld, würde er wie Weltraumtourist Dennis Tito zur Internationalen Raumstation in 300 Kilometer Höhe fliegen. Das erforderliche Training hat er bereits absolviert. Auch einer Reise auf den Mond wäre er nicht abgeneigt. Die erste Mondlandung hat er als 15 Jähriger vor dem Fernseher mitverfolgt. Ins Mondregister von Cooks Reisen, das ihm einen Platz auf dem ersten kommerziellen Mondflug garantiert, hat er sich schon vor Jahren eingetragen.